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Vier Generationen · Hundert Jahre

Familie Brandt — seit 1924.

Vier Generationen, ein Haus, ein Wald. Was 1887 als Forsthaus für die Westerwälder Wildhüter gebaut wurde, ist seit Hubert Brandt 1924 ein Wirtshaus — und seitdem ohne Unterbrechung in Familienhand. Hier die ganze Geschichte, ehrlich erzählt.

8 Min · Familienchronik
1924
Hubert Brandt
Förster · Gründer
1958
Karl Brandt
Wirt · Wirtschaftswunder
1992
Felix Brandt
Koch · Aufbruch
2024
Ben Brandt
Tantris-trained · Heimkehr
Hubert Brandt, Förster und erster Wirt des Forsthauses, ca. 1932
Hubert Brandt, ca. 1932Generation I
1924Erste Generation

Hubert macht aus dem Forsthaus ein Wirtshaus.

Mein Urgroßvater Hubert Brandt war Förster der Domäne Müschenbach — königlich-preußischer Forstbeamter mit Dienstsitz in eben diesem Haus, das die Krone 1887 als Revier-Forsthaus hatte bauen lassen. Als 1918 die Monarchie fiel und die neue Weimarer Forstverwaltung das Haus 1923 freigab, kaufte Hubert es zurück — buchstäblich aus eigener Tasche, mit zusammengeliehenem Geld bei drei Westerwälder Bauern, die er aus dem Krieg kannte.

Ein Jahr später, am 14. März 1924, öffnete er die Türen wieder — diesmal als Schankstube für Wanderer, Holzfäller und Wildhüter. Es gab Bier vom Hachenburger Brauhaus, Bratkartoffeln mit Speck, sonntags Wildschweinbraten aus eigener Jagd. Hubert war bis zu seinem Tod 1962 Förster und Wirt in Personalunion — eine Kombination, die im Westerwald bis heute selten ist.

"Der Wald gibt, was er gibt. Wer mehr will, soll in die Stadt gehen." — Hubert Brandt, 1947, an einen Hamburger Gast, der nach Hummer fragte
Schlüsselgericht der Ära Wildschweinbraten mit Klößen & Preiselbeeren
Wirtshaus-Tisch in den 1960er Jahren, Wirtschaftswunder-Ära
Karl Brandt, ca. 1965Generation II
1958Zweite Generation

Karl bringt das Wirtschaftswunder in den Wald.

Mein Großvater Karl übernahm 1958 — Vater Hubert war 70 und müde, der Wald hatte ihn ein Leben lang verbraucht. Karl war Metzger gelernt in Limburg, hatte zwei Jahre in einem Hotel in Bad Ems gearbeitet, und brachte das, was man später Wirtschaftswunder-Optimismus nannte, mit nach Müschenbach: mehr Tische (von 6 auf 22), mehr Karte (Schnitzel, Pfeffersteak, Forelle Müllerin als feste Größen), mehr Öffnungstage (vorher zu wann immer Hubert Lust hatte, jetzt Mi–So).

Karl war es auch, der den Bus-Stop "Forsthaus Brandt" 1971 durch hartnäckiges Schreiben an die Verkehrsbetriebe Westerwald durchsetzte — die Linie 137 fährt noch heute jeden Mittwoch vor unserer Tür vorbei. Er starb 2014 mit 86 Jahren. Bis zwei Wochen vor seinem Tod stand er jeden Sonntag noch persönlich am Bratenofen.

"Ein voller Bauch ist die einzige Politik, die kein Bürger streitig machen kann." — Karl Brandt, ca. 1973, eingerahmt über der Theke
Schlüsselgericht der Ära Wiener Schnitzel & Bratkartoffeln, sonntags Sauerbraten
Koch in offener Restaurantküche, frühe 90er Jahre
Felix Brandt, ca. 1998Generation III
1992Dritte Generation

Felix öffnet die Küche zum Gast.

Mein Vater Felix kam 1992 nach Hause — frisch gelernt im Romantik-Hotel Sackmann im Schwarzwald, mit einem 18 Monate langen Praktikum bei Witzigmann in München im Gepäck. Er war 24, und er hatte eine klare Idee: das Forsthaus sollte aufhören, ein Wirtshaus zu sein, und anfangen, ein Restaurant zu sein. Karl war strikt dagegen ("Brauchst du Sterne, um Forelle zu braten?"), gab dann aber doch nach — vermutlich, weil er stolz war.

Felix riss 1994 die Wand zur Küche raus, baute eine offene Anrichte, führte die Tagesempfehlung ein, lernte mit Sommelier-Kursen in Mainz, dass es mehr als Müller-Thurgau gibt. Er ist es, der 2003 den Wein-Keller (heute 240 Positionen) gebaut hat, eigene Hand, mit einem Limburger Maurer namens Schmitt. Felix führt heute mit 57 noch die Küche-am-Mittag und das Wein-Programm — abends gehört das Haus seinem Sohn Ben.

"Wir sind kein Sterne-Restaurant. Wir sind ein Forsthaus, das den Anspruch hat, wie eines zu kochen." — Felix Brandt, 2003, im Trierischen Volksfreund
Schlüsselgericht der Ära Rehrücken rosa, Pfifferling-Risotto, Holunder-Jus
Junger Koch beim Anrichten in zeitgenössischer Restaurantküche
Ben Brandt, 2025Generation IV
2024Vierte Generation

Ben kommt nach Hause — und bringt München mit.

Ich bin Ben Brandt, geboren 1995 in Hachenburg, aufgewachsen über der Schankstube. Ich wollte erst nicht — habe in München an der Hotelfachschule angefangen, dann sechs Jahre bei Tantris-Sous-Chef Benjamin Chmura gelernt, parallel zwei Sommer in der Toskana bei "L'Andana", einem Sommer in Kopenhagen bei "108". Dann starb 2023 meine Großmutter Anna, und plötzlich fühlte sich München weit entfernt an. Im April 2024 habe ich gekündigt, im September 2024 stand ich abends das erste Mal an Vaters Pass.

Was ich verändere: das Wild bleibt der Anker — wir sind ein Forsthaus, kein Bistro. Aber ich koche es technisch präziser, mit Fermentation aus Kopenhagen, mit Pasta-Geometrien aus der Toskana, und mit einer 6-Gang-Tasting-Karte, die meine Großmutter vermutlich gut gefunden hätte. Was bleibt: Hubert s Mittwoch-Wildbraten. Karl s Schnitzel. Felix s Wein-Keller. Vier Generationen unter einem Dach, ein Wald, eine Küche.

"Ich koche für die nächsten 30 Jahre. Wer in 30 Jahren noch Wildschweinbraten will, soll ihn auch dann bekommen." — Ben Brandt, 2025, im Forsthaus-Interview
Schlüsselgericht der Ära Hirschkalb-Rücken, Johannisbeere, Wirsing & Tonka
Manifest · Warum Wild, warum nur regional

Wir kochen aus diesem Wald, oder wir lassen es.

Es gibt eine Frage, die uns Gäste mindestens einmal pro Woche stellen: "Warum so viel Wild?". Die ehrliche Antwort lautet: weil wir buchstäblich im Wald stehen, und weil der Wald uns das beste Lebensmittel liefert, das in Mitteleuropa noch in nennenswerter Menge existiert. Reh, Hirsch, Wildschwein, Damwild aus den Forst-Distrikten Müschenbach, Hachenburg, Westerburg — alles im Umkreis von 14 Kilometern erlegt, alles von uns selbst zerlegt, alles abhängig von dem, was die Hege- und Pflegegemeinschaft der drei Reviere im aktuellen Jagdjahr freigibt.

Wir verzichten konsequent auf Importe — auch wenn der Wirtschaftsdruck dagegen spricht. Argentinisches Rind kostet beim Großhändler 9,80 €/kg, Westerwälder Reh kostet uns 14,20 €/kg an der Kühlhaus-Tür. Wir könnten umsteigen, kein Gast würde es schmecken. Wir tun es trotzdem nicht, und der Grund ist nicht Sentimentalität — es ist Ehrlichkeit. Wer auf einer Karte "Westerwälder Wild-Spezialitäten" liest und sich auf einen Hirschrücken aus Neuseeland setzt, hat ein Anrecht, betrogen zu sein. Bei uns nicht.

Saisonal ist die zweite Konsequenz daraus. Wild gibt es in Deutschland von Mai bis Januar — mit Schwerpunkten Reh ab Mai, Wildschwein ganzjährig, Rotwild ab August. Im Februar/März/April fahren wir die Karte runter: weniger Hauptgänge, mehr Pasta, mehr Pilz, mehr Forelle aus den drei Westerwald-Teichwirtschaften. Wir lassen niemanden hungern, aber wir lassen auch niemanden ein Wildragout im April essen, das in Wahrheit aus Polen tiefgekühlt geliefert wurde.

Punkt drei — und der ist uns wichtig: wir denken nicht in Postleitzahlen, sondern in Wegen. Wenn das Mehl für die Pasta aus Brescia kommt, weil die Brandt-Familie über Großmutter Anna eine 60 Jahre alte Beziehung dahin hat, dann ist Brescia für uns "regional" — eine ehrliche Lieferkette mit Namen, Gesichtern, Hand-Verträgen. Industrie-Mehl aus Münster wäre 200 Kilometer näher und für uns trotzdem "weiter weg". Regional ist eine Geschichte, kein Radius.

14 km Maximaler Radius
für unser Wild
100% Westerwälder
Reviere
9 Mt. Wildsaison
Mai bis Januar
0 kg Importiertes
Wild seit 1924
3 Hege-Reviere
Müschenbach · Hachenburg · Westerburg
1.247 km Brescia,
für unser Pasta-Mehl
Das Gebäude · 138 Jahre Geschichte

Vom preußischen Revier-Forsthaus zum heutigen Restaurant.

Historisches Fachwerk-Forsthaus im Westerwald, schwarz-weiß
1887

Bau als preußisches Revier-Forsthaus.

Errichtet im Auftrag der Königlich Preußischen Forstverwaltung Westerwald als Dienstsitz für den Revierförster — Fachwerk-Sandstein-Mischbau, 11 Räume, eigener Pferdestall. Bauleiter: Kreis-Baumeister Heinrich Kaltofen aus Hachenburg. Bauzeit 14 Monate, Eröffnung 4. November 1887.

1918

Ende der Monarchie, Verkauf in Sicht.

Mit dem Sturz Wilhelms II. fällt die Domäne an die neue Weimarer Forstverwaltung. Das Haus steht vier Jahre leer und verfällt — Förster Hubert Brandt, zu dem Zeitpunkt Pächter, beobachtet es genau.

1923

Hubert kauft das Haus zurück.

Mit zusammengeliehenen 14.000 Reichsmark — geliehen von drei Westerwälder Bauern, die er aus dem Krieg kannte — erwirbt Hubert das Forsthaus von der Forstverwaltung. Renovierung mit eigenen Händen, Hilfe der Dorfgemeinschaft Müschenbach.

1924

Eröffnung als Wirtshaus.

14. März 1924: Erster Gast ist der Holzfäller Reinhold Schäfer (44, später Stammgast bis 1971). Speisekarte: 4 Gerichte, 2 Biere, ein selbstgebrannter Kornschnaps.

1942

Kriegs-Pause & Lazarett-Anbau.

1942–1945 dient die Schankstube als Außenstelle des Reservelazaretts Hachenburg. Hubert kocht für Verwundete. Das Haus übersteht den Krieg ohne direkten Bombenschaden — Glück, gegeben den Bombennächten Limburg s 1944.

1968

Karl baut den Saal an.

Nördlicher Erweiterungsbau für 22 zusätzliche Plätze. Architekt: Wilhelm Henrich, Limburg. Materialien: regionaler Sandstein, Eiche aus dem eigenen Revier, schmiedeeiserne Lampen vom Schmied Anton Klein, Müschenbach.

1994

Felix öffnet die Küche zum Gast.

Wandurchbruch zur Schauküche, Anrichte aus Walnussholz, neue Dunstabzugs-Anlage. Erste Investition über 80.000 DM seit Karls Saal-Anbau 1968. Gleichzeitig Renovierung der Schankstube — historisches Inventar bewusst erhalten.

2003

Wein-Keller im alten Pferdestall.

Felix baut den ehemaligen Stall-Anbau aus dem Jahr 1887 zum klimatisierten Wein-Keller um. 240 Stellplätze, 12–14 °C konstant. Heute 240 Positionen, Schwerpunkt Italien (Anna-Linie) & Deutschland.

2024

Bens sanfter Umbau.

Neue Pass-Station, Niedrig-Temperatur-Garschrank, kleines Fermentationskämmerchen aus dem ehemaligen Putzraum. Optisch unsichtbar, technisch state-of-the-art. Schankstube und Hauptraum: unverändert.

Unser Selbstverständnis

Fünf Werte. Keine Phrasen.

i.
Wir kochen ehrlich, nicht inszeniert.
Was auf der Karte steht, kommt aus der Küche, nicht aus dem Marketing-Workshop. Convenience-Beutel öffnen wir nicht. Brühen kochen 18 Stunden. Wenn wir etwas kaufen statt selbst machen — Brot von Bäcker Fasel in Hachenburg, Käse von der Köhler-Erei Höhn — dann sagen wir welcher Lieferant, und Sie können ihn anrufen, wenn Sie wollen.
ii.
Saisonal heißt kompromisslos.
Karte ändert sich vier Mal im Jahr — fünf, wenn der Wald uns dazwischenkommt. Erdbeeren im Dezember? Nicht bei uns. Spargel im Januar? Nein. Wenn der Westerwald-Forst kein Wild liefert, gibt 's mehr Pasta. Wenn der Garten leer ist, lassen wir's sein. Punkt. Wir verbiegen die Saison nicht für die Karte — wir verbiegen die Karte für die Saison.
iii.
Familie ist System, nicht Folklore.
Vier Generationen, sechs Vornamen am Familienschild. Niemand hat hier einen Marketing-Hut auf. Anette führt den Service seit 1992. Felix den Wein-Keller. Tante Marie das Wein-Wissen. Jonas das Sous. Ben die Küche. Anna und Karl sitzen heute am Stammtisch und passen auf. Das ist betriebliche Realität, kein Story-Telling.
iv.
Geduldige Gäste — bewusst langsam.
Eine Vorspeise braucht 12 Minuten. Hauptgang 25. Tasting-Menü 2,5 Stunden. Wer in Eile ist, sollte ein Schnellrestaurant wählen — das meinen wir nicht herablassend. Es ist einfach so. Wir kochen nicht schneller, weil Sie es eilig haben — und wir kochen auch nicht langsamer, um Sie zu ärgern. Wir kochen, wie es das Gericht verlangt.
v.
Trinkgeld geht ungeteilt an die Crew.
100% an Service und Küche, fair geteilt nach Arbeitsstunden, nicht nach Position. Karten-Trinkgeld zählt 1:1 wie Bargeld. Niemand kürzt für "Versicherungs-Tricks", Buchungs-Gebühren oder Marketing-Töpfe. Wir zahlen tarifliche Löhne, wir zahlen Weihnachts- und Urlaubsgeld, und das Trinkgeld ist obendrauf — nicht ein Ersatz für unanständige Bezahlung.
Wer noch dazu gehört

Vier Kolleg:innen — ohne sie geht nichts.

Sommelière Tante Marie Sommelière

Tante Marie

Wein · seit 1996 · Familie

Annas jüngere Schwester, geboren 1958 in Brescia. Sommelière-Diplom in Verona 1989, dann 7 Jahre in Mailand bei Cracco. Seit 1996 zu jeder Saison zwei Monate bei uns, seit 2014 fest in Müschenbach. Sie kennt 240 unserer Weine persönlich — die Winzer, nicht die Etiketten.

Sous-Chef Jonas Sous-Chef

Jonas Weidner

Sous-Chef · seit 2021

Aus Limburg, gelernt im Schindlerhof in Nürnberg, dann zwei Jahre bei Hangar-7 Salzburg. Verantwortlich für die Wild-Verarbeitung — er zerlegt das Reh am Mittwoch, schmort am Donnerstag, serviert am Freitag. Bens rechte und linke Hand zugleich.

Pâtissière Anita Pâtissière

Anita Kaltofen

Pâtisserie · seit 2019

Aus Hachenburg, Konditorin gelernt im Hotel Bayerischer Hof München. Die Wachsamkeit hinter Annas Tiramisù-Rezept (eingerahmt in der Küche, sie ist die einzige außer Felix, die es aufschreiben darf) und Erfinderin unseres Honig-Holler-Tonka-Desserts. Eigene Bienen auf der Müschenbacher Höhe.

Service Christian Service

Christian Bender

Service · seit 2008

Aus Westerburg, ungelernt angefangen mit 19, heute der ruhende Pol im Gastraum. Er kennt 180 Stammgäste mit Vornamen, weiß, dass Frau Hofmann immer Tisch 4 will und Herr Dr. Klein keinen Espresso nach 21 Uhr trinkt. Er ist der Grund, dass Anette mittlerweile zwei Tage frei nehmen kann.

Kochkurse · Kleine Runde

Kochen mit Ben — vier Mal im Jahr.

Anmeldung →

Sechs Plätze, Samstag von 10:00 bis 16:00, mit Mittagessen aus dem Kurs und einer Flasche Wein für zu Hause. Einsteiger willkommen — wir kochen ehrlich, nicht prätentiös.

März
Frühling: Bärlauch & Pasta
Wildkräuter sammeln im Forst, Tagliatelle rollen, Bärlauch-Pesto, Forelle Müllerin.
Sa, 13. März 2027
6 / 6 Plätze frei
169 €
Juni
Pasta-Manufaktur für Anfänger
5 Pasta-Sorten von Hand: Tagliatelle, Pappardelle, Ravioli, Tortellini, Strozzapreti. Original Brescia-Mehl.
Sa, 13. Juni 2026
4 / 6 Plätze frei
159 €
Sept
Wild-Verarbeitung & Zubereitung
Mit Sous-Chef Jonas. Ein halbes Reh zerlegen lernen, Wildschwein schmoren, Hirschtartar selber machen.
Sa, 12. Sept 2026
Ausgebucht — Warteliste
189 €
Nov
Trüffel, Pilze & Risotto
Westerwald-Trüffel kennenlernen, drei Risotto-Varianten, Pilz-Pfifferling-Ragout. Mit Wein-Begleitung von Tante Marie.
Sa, 7. Nov 2026
5 / 6 Plätze frei
175 €
Reservierung

Bei uns zu Tisch.

Smart-Booking in fünf Schritten oder direkter Anruf — Anette hebt fast immer ab.

Tisch anfragen